Buchrezension: „Schattenspieler“

Bereits im letzten Herbst habe ich bei der lieben Bibliophilin im Blog ein tolles Buch gewonnen, über das ich eine Rezension geschrieben habe. Diese möchte ich Euch nun auch hier vorstellen.

Cover

Schattenspieler von Michael Römling
Coppenrath-Verlag
ISBN: 978-3-8157-5307-1

„Er soll uns bleiben, was er uns ist und immer war“, schnarrte die Stimme aus dem Radio.
Wilhelm verdrehte die Augen. „Unser Hitler“, äffte er den Minister durch zusammengepresste Lippen nach. „Unser Hitler“, echote Goebbels. Die ersten Klänge der Nationalhymne quollen aus dem Apparat, eingebettet in eine Geräuschkulisse aus Knacken und Rauschen. Leo und er standen am Fenster in Wilhelms riesigem Wohnzimmer und blickten hinaus auf die Kurfürstenstraße. Hinter ihnen tickte die Standuhr. Von der Höhe des fünften Stockwerks aus konnte man durch die ausgebrannten Dächer der gegenüberliegenden Häuserzeile in die gähnende Leere dahinter blicken. (…)“

Und schon sind wir mitten drinnen im Geschehen am unmittelbaren Ende des Zweiten Weltkriegs.
Noch müssen Leo und Wilhelm einen schweren Bombenangriff auf das Haus in der Kurfürstenstraße überstehen, dann beginnt das Buch von Michael Römling richtig spannend zu werden.
Leo ist ein etwa 12-13 Jahre alter jüdischer Junge, der den Krieg im Versteck überlebt hat. Seine Familie, vor allem seine Eltern sind tot, doch der väterliche Freund Wilhelm kümmert sich um den Jungen, bis auch er nach dem schweren Bombenangriff zu Beginn des Romans plötzlich verschwunden ist. Leo ist nun völlig auf sich allein gestellt und will zunächst aus dem umkämpften Berlin fliehen. Auf seiner Flucht trifft er im nächtlichen Charlottenburg zum ersten Mal auf Friedrich, den zweiten Protagonisten dieses Romans.

„Plötzlich tauchte neben ihm eine Gestalt auf, die ebenfalls die Straße überquerte. IM Widerschein des Feuers sah Friedrich das Profil eines jungen in seinem Alter. Er wirkte abgehetzt, blickte sich um, sah Friedrich und verlangsamte seine Schritte, als wollte er sich seine Eile nicht anmerken lassen. Dann trafen sich ihre Blicke. Der andere schaute unschlüssig, ein merkwürdiges Lauern lag in seinem Gesicht, aber es war nichts Tückisches, sondern Angst. Friedrichs Gedanken rasten. Keine Uniform, keine Waffe. Und diese Furcht, wie ein in die Enge getriebenes Tier, das zwischen Flucht und verzweifelter Attacke schwankte. Das konnte nur ein Deserteur sein. Vielleicht geht er gleich auf mich los, dachte Friedrich, weil er dankt, ich liefere ihn ans Messer. Ich muss ihm zeigen, dass ich nicht gefährlich für ihn bin. (…)“

Nach einem kurzen Wortwechsel mit Friedrich läuft Leo, weiter raus aus der Stadt zu einem leeren Schloss. Doch er ist nicht alleine in dieser Schloss. Er beobachtet, wie drei Männer sich dort treffen, die ein Geheimnis in 28 Kisten verpackt transportieren. Weil ein Mann die beiden anderen verfolgt hat und weil ein zweiter Mann weiß, was sich genau in den Kisten befindet, müssen sie sterben. Das ist dann auch die grausamste Stelle des Buches.
Auf seiner weiteren Flucht, diesmal wieder Richtung Berlin, läuft Leo den Russen in die Arme, die sich -Zufall oder auch nicht? – in dem großen Haus von Friedrichs Mutter in Charlottenburg einquartieren.

Friedrich lebt mit seiner Mutter und seiner blinden Schwester Marlene in einer Villa im Berliner Bezirk Charlottenburg. Der Vater gilt seit dem Krieg als verschollen. Leo wird wie ein Sohn in der Familie aufgenommen, aber leider erfährt der Leser ansonsten nichts weiter, was die tiefe Freundschaft ausmacht, die sich zwischen Leo und Friedrich entwickelt.
Nach einiger Zeit möchte Leo sich nach dem Verbleib seines Freundes Wilhelm erkundigen.
Zusammen mit Friedrich erkundet er das zerbombte Haus in der Kurfürstenstraße. Dort finden die beiden Jungen eine Liste, auf der auch – wieder ein Zufall, oder nicht? – der Name von Friedrichs Vater steht. Die beiden Jungen stellen nun Nachforschungen an und beginnen bald, nach den 28 Kisten zu suchen. In der untergegangenen Welt des Nationalsozialismus suchen die beiden Jungen nach einem verschollenen Schatz und treffen dabei auf einen Gegner, zunächst ohne Gesicht.

Wie schon auf dem Klappentext zu lesen ist, ist dieser Jugendroman wirklich ein „Pageturner“, der den Leser fesselt. Mir persönlich bleibt dabei allerdings die Freundschaft der beiden Jungen etwas unterbeleuchtet: Warum freunden sich die beiden Jungen an? Was verbindet Friedrich und Leo eigentlich, außer dass sie -zufällig – nach dem Krieg im gleichen Haus leben? Überhaupt sind mir in der Geschichte zu viele konstruierte Zufälle, die auch am Schluss nicht alle aufgelöst werden. Auch über die Lebensumstände in der unmittelbaren Nachkriegszeit erfährt man wenig – zugegeben, das war ja auch nicht Ziel des Romans.
Etwas konstruiert finde ich, dass Leo und Friedrich im Zuge ihrer Schatzsuche nicht nur in
Berlin, sondern auch in Münster, eine der Städte, über die der Autor bereits in früheren Werken gearbeitet hat. Warum landen die beiden Jungen ausgerechnet in Münster?

Cover-2

Abschließend möchte ich noch einen Blick auf die besonderes Gestaltung dieses Buches werfen:
Das Cover ist nämlich – wie so oft im Coppenrath-Verlag – ein wahres Kunstwerk. Der Schutzumschlag ist aus matt-durchscheinendem Papier mit einer Schattenrißzeichnung zweier
Jungen drauf. Ein Junge steht still, die Hände in den Himmel gereckt, der andere Junge scheint zu laufen. Die schwarze Farbe hinter dem Wort „Schattenspieler“ scheint eine Bombenexplosion anzudeuten.
Eine besondere Überraschung finden wir unter dem Schutzumschlag: ein Ausschnitt des Berliner
Stadtplans. Und zwar wird hier fast genau das Gebiet gezeigt, in dem ein Großteil des Romans
spiel, von Berlin Mitte (Kurfürstenstraße) bis nach Charlottenburg. Ich habe den Stadtplan zwar nicht als Orientierungshilfe gebraucht, aber als Idee finde ich dieses Cover schon sehr gelungen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ich den Roman „Schattenspieler“ von Michael Römling mit großem Interesse und reichlich Spannung gelesen habe. Da mich nun interessiert, wie dieser Roman auf ein etwa gleichaltrigen Jungen wirkt, habe ich ihn meinem bei Berlin lebenden Patenkind zu Weihnachten geschenkt.

Vielen Dank fürs Lesen!

Herzlichst, Eure
Ms_GoingtoMoon

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Über msgoingtomoon

I am: -> Mother of two kids (Mr Moon-Junior and Miss Venus) -> married to Mr Moon -> mainly a single mother, because Mr Moon is working in Munich at the moment -> a teacher -> working in home office or at school -> interested in music, sports, books and arts -> singing in a choir -> not always patient -> able to shout and to whisper -> ....? Just ask at http://www.formspring.me/msgoingtomoon
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